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Ortsfamilienbuch Schorndorf

1. Geographische und historische Einordnung

Schorndorf liegt im Remstal östlich von Stuttgart, heute im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Der Name erscheint erstmals 1235 in einer Urkunde des Klosters Lorch, in der ein Zeuge „Dietericus de Shorendorf" auftritt; als württembergische Stadt ist Schorndorf 1262 bezeugt. Im Spätmittelalter zählte es zu den bedeutendsten Städten der Grafschaft, nach Stuttgart, Tübingen und Urach an vierter Stelle.

Bereits ab 1532 wirkte Johann Pfeffinger als lutherischer Diakon in Schorndorf; 1534 wurde die Reformation im Herzogtum Württemberg eingeführt. Die Kirchenbücher setzen eine Generation später ein, 1569.

Für den Zeitraum dieses Ortsfamilienbuchs, also von 1569 bis ins späte 19. Jahrhundert, prägen vier Entwicklungen die Einträge.

Die befestigte Amtsstadt. Schorndorf war Sitz eines Amts und späteren Oberamts, mit Schloss, Stadtmauer und Garnison. Entsprechend häufig stehen in den Einträgen Vögte, Amtsschreiber, Burgvögte und Torwärter, dazu Soldaten aus halb Europa, die hier heirateten oder starben. Die Musterungslisten des 16. Jahrhunderts verzeichnen die wehrfähigen Bürger mit ihrer Waffe, vom Spießer mit Rüstung bis zum Schützen mit der Feuerbüchse.

Der Dreißigjährige Krieg. Kein anderes Ereignis hat im Bestand so deutliche Spuren hinterlassen. Nach der Schlacht bei Nördlingen beschossen 1634 kaiserliche Truppen die Stadt; innerhalb von achtzehn Stunden brannte sie bis auf das Burgschloss, den Chor der Stadtkirche und zwei Häuser nieder. Von rund 4.200 Einwohnern (Zahl für 1550) erlebten nur 830 das Ende der Kriegsjahre 1634 bis 1650. Wer im Bestand nach Familien des frühen 17. Jahrhunderts sucht, stößt deshalb auf abbrechende Linien. In den Quellen klingt das nur beiläufig an. Ein Kaufbucheintrag vom 16. Februar 1644 vermerkt, ein Bürger sei „vor der Einäscherung der Stadt an Pest erkrankt"; ein anderer musste sich „nach dem Stadtbrand im Schorndorfer Amt knechtweis aufhalten". Weitere Brände folgten 1690, als ein Soldat Feuer legte und 75 Gebäude zerstörte, und 1743 mit 130 abgebrannten Häusern.

Der Pfälzische Erbfolgekrieg. 1688 forderten französische Truppen die Übergabe der Stadt. Der Widerstand der Schorndorfer Frauen, die Rathaus und Tore besetzt haben sollen, ist das bekannteste Ereignis der Stadtgeschichte. Die ausgestaltete Erzählung stammt allerdings aus der Überlieferung des 18. und 19. Jahrhunderts; die Zuschreibung an eine namentlich benannte Anführerin ist noch jünger, ältere Darstellungen sprechen nur von der Gattin des Bürgermeisters Künkelin, obwohl diese Frau 1688 noch mit einem anderen Bürgermeister verheiratet war (siehe Abschnitt 3). Zeitgenössisch ist in dieser Sammlung etwas anderes greifbar, eine Verwaltungsnotiz aus der Stadtrechnung von 1689: Ein Bürger erhält 32 Kreuzer für eine neue Laterne am Malefizturm, weil die dort gefangen gehaltenen Franzosen die alte zerschlagen und die Wände durchstoßen hatten.

Weinbau und Handwerk. Unter den rund 6.000 Berufsangaben der Sammlung steht der Weingärtner mit Abstand vorn, gefolgt von Metzger, Beck, Schuhmacher, Schneider und Küfer. Krämer sind seit dem 16., Handelsleute seit dem 17. Jahrhundert belegt, Fabrikarbeiter erst im 19. Diese Verteilung beschreibt allerdings die Überlieferung und nicht die Sozialstruktur der Stadt. Der Beruf wird in den Registern unregelmäßig genannt, überwiegend bei Männern und bei Haushaltsvorständen, in den Inventuren häufiger als in den Taufeinträgen. 1834 wurde Gottlieb Daimler in Schorndorf geboren.

2. Datengrundlage und methodische Vorbemerkungen

Ruth Blank (1923–2016). Sie war Studiendirektorin in Schorndorf und unterrichtete Deutsch, Englisch und Geschichte; der Familienforschung widmete sie sich erst im Ruhestand. Als Nichte Reinhold Maiers, des ersten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, lebte sie in dessen Schorndorfer Geburtshaus. Seit 1978 gehörte sie dem Heimatverein Schorndorf an. 1991 erschien ihre Studie „Vorfahren Reinhold Maiers im Remstal", 2001 nach jahrelanger Arbeit im Stadtarchiv Urach das zweibändige Ortsfamilienbuch „Uracher Bürger vor 1640" mit 1.260 Seiten im Selbstverlag, 2006 in der Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte eine Untersuchung über Magdalena Möhringer, die 1608 aus der Festung Hohenurach floh. Der Verein für Familienkunde in Baden-Württemberg widmete ihr 2017 einen Nachruf (Günther Schweizer: Abschied von Ruth Blank, einer leidenschaftlichen Genealogin. Rundbrief 31, März 2017, S. 12–13). Die „Schorndorfer Familien" gehören zu ihren umfangreichsten Arbeiten. Ihr Nachlass im Stadtarchiv Schorndorf enthält daneben handschriftliche Auszüge aus den Seelenregistern des Kirchspiels Lorch (1648–1740); sie sind inzwischen ebenfalls erschlossen und unter lorch.bgg-home.de zugänglich.

Die Sammlung. Dieses Ortsfamilienbuch beruht nicht auf einer eigenen Auswertung der Kirchenbücher, sondern auf ihrer Arbeit. Sie hat die Schorndorfer Bücher über Jahrzehnte durchgearbeitet, nach Familien geordnet und ihre Auszüge selbst maschinenschriftlich erfasst. Zwischen dem Kirchenbuch und diesem Ortsfamilienbuch liegt also eine Übertragung. Für jede Angabe, auf die es ankommt, bleibt der Blick in die Quelle der sichere Weg; die Originale sind gesperrt, zugänglich ist die Verfilmung über Archion.

Kirchenbücher. Sie liegen im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart (Bestand F 40, Evangelisches Dekanatamt Schorndorf). Die serielle Überlieferung beginnt 1569. Ausgewertet sind die Mischbücher Bd. 1 bis 4 (1569–1810), zu denen das Findbuch einen Parallelband Bd. 5 (1793–1807) führt, sowie die ab 1808 getrennt geführten Register: Taufregister Bd. 6 bis 11 (bis 1890), Eheregister Bd. 12 bis 16 (bis 1900) und Totenregister Bd. 17 bis 22 (bis 1881). Der Schwerpunkt der Einträge liegt zwischen 1570 und 1865.

Die Angabe des Bandes an den einzelnen Ereignissen ist aus dem Datum erschlossen. Ruth Blank selbst zitiert keine Bände.

Weltliche Quellen vor 1569. Für die Zeit vor Beginn der Kirchenbücher hat Ruth Blank die Schorndorfer Bürgerschaft über Steuer-, Muster- und Lagerbücher erschlossen. Ausgewertet sind unter anderem die Türkensteuer von 1545, die Musterungslisten von 1553, 1558, 1560, 1563, 1566, 1572, 1583, 1584, 1592, 1597 und 1603 sowie die weltlichen Lagerbücher von 1551, 1561, 1571, 1579, 1583 und 1616. Diese Bestände liegen im Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart: die Lagerbücher des Oberamts Schorndorf unter H 101/51, das Musterregister von 1553 als „Verzeichnis derer, so in der Musterung im Jahr 1553 Feuerbüchsen getragen".

Inventuren und Stadtrechnungen. Bei rund 1.800 Familien sind Inventuren ausgewertet, dazu Zubringensinventuren bei der Eheschließung. Sie nennen Vermögen, Haus- und Grundbesitz mitsamt den Nachbarn, und in den Erbenlisten die Kinder mit ihrem Verbleib, oft mit Beruf, Wohnort und Ehepartner. Hinzu kommen Einträge aus den Stadtrechnungen (Landesarchiv Baden-Württemberg, Bestand A 302) und aus den Kaufbüchern.

Maschinelle Erschließung. Personen, Familien und Verknüpfungen sind maschinell aus Ruth Blanks Text gewonnen. Das erklärt den Umfang, aber auch die Grenzen dieses Buchs. Wo eine Verknüpfung zwischen den Generationen nur auf Namensgleichheit beruht und nicht durch ein Datum gedeckt ist, steht das als Vermerk am Eintrag. Ebenso sind Widersprüche vermerkt, die sich aus der Vorlage nicht auflösen lassen, statt sie stillschweigend zu glätten.

Namensschreibung. Eine einheitliche Schreibweise kannte die Zeit nicht. Die Pfarrer schrieben nach Gehör, Georg erscheint als Jerg, Hans als Han(n)ß oder Johann. Ruth Blank hat die Namen weitgehend vereinheitlicht und Varianten vermerkt; dieses Ortsfamilienbuch folgt ihrer Schreibung.

3. Ortsgeschichtlich interessante Einträge

Ein Bürgermeister und seine Frau. Johann Georg Künkelin, geboren am 20. Mai 1655 in Welzheim, Kaufmann und Bürgermeister, starb am 29. Juli 1728. Der Sterbeeintrag hält fest: „73 J 2 M 7 T, 48 J im Gericht, fast 40 J Bürgermeister, quidem raro exemplo" – in der Tat ein seltenes Beispiel. Sein Haus stand am Markt, neben dem Rat- und Kornhaus. Was Inventuren für die Forschung hergeben, zeigt derselbe Artikel an seiner Frau Barbara. Verzeichnet ist ihr Zubringen, eine eigene Behausung in der unteren Stadt, eine Hofstatt in der oberen, Liegendes für 1.474 Gulden, dazu Bargeld, Silber und Vieh, zusammen über 4.314 Gulden. Sie überlebte ihn und erscheint 1728 als „Wittib Barbara". In den Kirchenbüchern wäre von ihrem Vermögen nichts zu erfahren.

Zu dieser Frau hält Ruth Blank noch mehr fest. Anna Barbara Agricola kam am 10. März 1651 in Leutkirch zur Welt, Tochter des dortigen Apothekers, und starb am 20. November 1741 in Schorndorf im Alter von neunzig Jahren; sie wohnte am Marktplatz. Vermerkt ist auch ihre erste Ehe, mit Johann Heinrich Walch, Lammwirt und ebenfalls Bürgermeister. Künkelin heiratete sie am 3. Dezember 1689. Im Jahr des Frauenprotests hieß sie demnach Walch und war die Frau des damals amtierenden Bürgermeisters. Die Überlieferung, die eine Bürgermeistersgattin an der Spitze der Frauen sieht und sie später „Künkelin" nennt, führt also auf eine Person, die hier mit Lebensdaten und beiden Ehen verzeichnet ist, unter dem Namen ihrer zweiten Ehe.

Todesursachen. Die Sterbeeinträge nennen fast durchgehend die Ursache, oft mit dem Alter auf Tag und Woche genau: Auszehrung, Schwindsucht, Brustentzündung, Steckfluß, Gichter bei Säuglingen, Brechruhr, Blattern. Die Ruhr erscheint in mehreren hundert Einträgen, die Blattern in gut zweihundert. Daneben stehen Einzelschicksale. Ein Achtjähriger ist 1722 „im dürren Bach ertrunken", eine Frau wurde 1852 „erfroren gefunden", und einen Sechzigjährigen hat es 1821 „nahe bei der Stadt vom Blitz erschlagen".

Wanderung. Zuzug und Wegzug sind durchgehend vermerkt. Handwerksgesellen kamen aus Straßburg, Ulm, Regensburg und Hamburg, Dienstmägde aus den Nachbardörfern, einzelne Familien wanderten nach Amerika aus. Ein Bäckergeselle starb „vor einigen Jahren in Prag an der grassierenden Pest, noch kein Totenschein".

Kriegsdienst. Schon die Musterungslisten des 16. Jahrhunderts vermerken, wer fehlt, etwa mit dem Zusatz „ist im Krieg in Ungarn". Der Musterherr notierte auch sein Urteil über die Gemusterten, etwa „Krieg nit braucht, aber wehrhaft und keck".

4. Benutzung und Mitarbeit

Dieses Ortsfamilienbuch ist ein Zwischenstand. Die Vermerke an unsicheren Verknüpfungen und die offen ausgewiesenen Widersprüche stehen mit Absicht da. Wer eine dieser Stellen an der Quelle klären kann, ist eingeladen, Bescheid zu geben. Korrekturen fließen in die nächste Fassung ein. Siehe Korrekutmöglichkeiten unter: https://schorndorf.bgg-home.de

Der Dank gilt Ruth Blank, die diese Sammlung über Jahrzehnte zusammengetragen hat, ohne die es dieses Ortsfamilienbuch nicht gäbe.




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Thomas Bugge


letzte Aktualisierung der Datenbank Ortsfamilienbuch Schorndorf: 28.08.2026
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